Briefing von Ilham Aliyev in Berlin
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Friedrich Merz am 21. Juli in Berlin schien Ilham Aliyev drei verschiedene Zielgruppen gleichzeitig anzusprechen.
Gegenüber Berlin wies er darauf hin, dass Aserbaidschan nicht beabsichtige, als Hauptquartier für die Geheimdiplomatie anderer Länder zu dienen. In Brüssel argumentierte er, dass Europa, wenn es mehr aserbaidschanisches Gas wolle, auch zur Finanzierung von Gaspipelines und Verbindungsleitungen beitragen sollte. Und gegenüber Moskau und Kiew versuchte Alijew zu zeigen, dass Baku seiner multisektoralen Außenpolitik treu bleibt und gleichzeitig darauf besteht, seine eigenen Regeln festzulegen.
Eine am selben Tag unterzeichnete strategische Agenda verankerte diese politische Ausrichtung offiziell.
Geheimes Treffen in Baku: Was bekannt ist und was Spekulation bleibt
Laut Aliyev überprüften die aserbaidschanischen Behörden nach der Veröffentlichung des Berichts der Times die Aufzeichnungen des Staatsgrenzdienstes und bestätigten, dass Ronald Pofalla und Matthias Platzeck am 12. Juli aus Berlin in Baku ankamen und am 14. Juli abreisten. Im gleichen Zeitraum flogen Viktor Zubkov und Valery Fadeyev von Moskau nach Baku.
Aliyev sagte, dass Aserbaidschan weder von Deutschland noch von Russland eine vorherige Benachrichtigung erhalten habe und dass „das Territorium Aserbaidschans ohne Wissen der Behörden genutzt wurde“. Er betonte, dass Baku über keine bestätigten Informationen über den Inhalt des Treffens verfüge, sagte jedoch, dass Reiseunterlagen darauf hinwiesen, dass ein solches Treffen stattgefunden haben könnte. Er fügte hinzu, dass Aserbaidschan diese Bemühungen nur begrüßen könne, wenn es sein Ziel gewesen sei, zur Beendigung des russischen Krieges gegen die Ukraine beizutragen.
Merz wiederum bestritt jegliche Beteiligung der Bundesregierung und sagte, er habe keine Kenntnis von einem solchen Treffen.
Deutsche Medienrecherchen beschreiben die Kontakte als informelle Fortsetzung des St. Petersburger Dialogs. Laut ARD/RBB und Die Zeit finden in Baku seit 2024 inoffizielle Treffen zwischen ehemaligen deutschen Politikern und Persönlichkeiten aus dem Umfeld Wladimir Putins statt.
Der RBB berichtete, dass deutsche Sicherheitsbehörden die Treffen als mögliche Einflussnahme Russlands betrachten. CDU-Abgeordneter Roderich Kiesewetter bezeichnete sie als „Schattendiplomatie“, die Deutschlands Position zur Ukraine untergräbt.
Gleichzeitig argumentieren einige Teilnehmer und ihre Unterstützer, dass Dialogkanäle auch in Zeiten intensiver Spannungen offen bleiben sollten.
Ukrainische Quellen haben eine andere Sorge geäußert: Wenn es bei den Diskussionen um den Krieg in der Ukraine ging, warum war die Ukraine dann nicht am Tisch vertreten? Diese Frage bleibt unbeantwortet und alle Schlussfolgerungen bleiben zum jetzigen Zeitpunkt spekulativ.

Russlands Antwort
Die erste Reaktion Moskaus war vorhersehbar und erfolgte in Form einer Warnung. Alexander Tolmatschow, Mitglied der russischen Staatsduma, sagte gegenüber Lenta.ru, dass Baku „dem Weg Armeniens folge“ und argumentierte, dass engere Beziehungen zu Europa weder der Ukraine noch Armenien Erfolg gebracht hätten.
Dies löste in einem von Minval.az veröffentlichten Artikel eine scharfe Reaktion aus. Der Autor argumentierte, Aserbaidschan habe Moskaus Vision eines „großen Bruders“ nie akzeptiert, sich entschieden, der OVKS nicht beizutreten, und konsequent eine Multi-Vektor-Außenpolitik verfolgt. Laut dem Autor bedeutet die strategische Partnerschaft mit Deutschland keine „Abkehr von Russland“, sondern spiegelt einen pragmatischen Ansatz wider. Insbesondere hat Baku das Thema nicht in defensiver Hinsicht dargestellt, sondern als sein souveränes Recht, seine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Andere Bewertungen waren differenzierter. Deutsche Kritiker sehen in den Treffen in Baku einen Beweis für die Schwächen der Berliner Russlandpolitik und einen Versuch, alte deutsch-russische politische Beziehungen wiederzubeleben.
Eine andere Perspektive ergibt sich aus den Analysen der Kyiv Post und des Carnegie Endowment for International Peace. Sie argumentieren, dass Baku zwar weiterhin die territoriale Integrität der Ukraine unterstützt und die Zusammenarbeit mit Kiew ausbaut, die Kommunikationskanäle mit Moskau jedoch nicht vollständig abgeschnitten hat, sondern stattdessen versucht, Spielraum für diplomatische Manöver zu bewahren.
Insgesamt deutete das Berliner Briefing weniger auf eine entschiedene „Wende nach Westen“ als vielmehr auf eine Politik der sorgfältigen Ausgewogenheit hin. Aserbaidschans Energieinteressen sind zunehmend an Europa gebunden, seine Sicherheitsberechnungen berücksichtigen weiterhin Russland und seine erklärte Position basiert weiterhin auf der Unterstützung der territorialen Integrität der Ukraine.

Aufruf zu Investitionen in die Gasinfrastruktur
Das zweite große Thema des Berlin-Briefings war weniger kontrovers, hatte aber eine größere strategische Bedeutung. Aliyev gab bekannt, dass Aserbaidschan in diesem Jahr mit der Lieferung von Erdgas nach Deutschland begonnen habe. Im Rahmen eines Zehnjahresvertrags belaufen sich die ersten Lieferungen auf rund 1,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Allerdings hing ein Anstieg der Mengen von zwei Faktoren ab: zusätzlichen Einkaufsverpflichtungen und einer erweiterten Infrastruktur.
Laut Aliyev sind sowohl die TANAP- als auch die TAP-Pipeline bereits voll ausgelastet, sodass keine überschüssige Transitkapazität übrig bleibt. Der Ausbau der Infrastruktur innerhalb Europas und der Bau neuer Verbindungsleitungen werden daher zusätzliche Investitionen erfordern. Als eines der Haupthindernisse verwies er auf die Entscheidung der Europäischen Investitionsbank, die Finanzierung von Öl- und Gasprojekten im Rahmen der grünen Übergangspolitik der EU einzustellen.
Der zehnjährige Gasliefervertrag zwischen SEFE und SOCAR verstärkt diesen Trend. Im Juni erklärte der deutsche Botschafter in Aserbaidschan, Ralf Horlemann, dass von deutschen Unternehmen unterzeichnete Verträge einen jährlichen Import von rund 2 Milliarden Kubikmetern aserbaidschanischem Gas vorsehen.
Die politische Botschaft war klar: Baku fordert Europa auf, den Ausbau der Gasinfrastruktur mitzufinanzieren. Merz betonte zudem, dass Deutschland ein großes Interesse daran habe, seine Gasimporte zu diversifizieren.
Die Aussichten für eine Steigerung der Gaslieferungen nach Europa über den Südlichen Gaskorridor hängen nun weniger von politischen Aussagen als vielmehr davon ab, ob europäische Länder bereit sind, in neue Infrastruktur zu investieren. Der Widerspruch liegt auf der Hand: Europa braucht zusätzliche Gaslieferungen, um seine Energiesicherheit zu stärken, ist aber nach wie vor zurückhaltend bei der Finanzierung von Gasprojekten als Teil seiner Agenda für den grünen Wandel.

Erklärung zur strategischen Partnerschaft
Die am 21. Juli unterzeichnete Gemeinsame Erklärung zur strategischen Agenda der bilateralen Partnerschaft zwischen der Republik Aserbaidschan und der Bundesrepublik Deutschland ist ein umfassendes, in technischer Sprache verfasstes Dokument.
Es beschreibt die Zusammenarbeit in einem breiten Spektrum von Bereichen, einschließlich politischem Dialog auf hoher Ebene und diplomatischen Konsultationen; die deutsch-aserbaidschanische hochrangige Arbeitsgruppe für Handel und Investitionen; Energiekooperation, einschließlich der Lieferung von Erdgas; erneuerbare Energie; kohlenstoffarmer Wasserstoff; Energieeffizienz; Verkehrsanbindung und Infrastruktur; Sicherheit und Verteidigung; humanitäre Minenräumung; sowie Kultur, Bildung, Wissenschaft und Innovation.
Die Erklärung bekräftigt außerdem die Unterstützung Deutschlands für die Normalisierung der Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien und die nach dem Washingtoner Gipfel am 8. August 2025 gestarteten Friedensinitiativen. Außerdem wird die „strategische Bedeutung“ der Partnerschaft zwischen Aserbaidschan und der Europäischen Union hervorgehoben.
Was bedeutet es?
Erstens hebt das Abkommen die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Deutschland offiziell auf die Ebene einer strategischen Partnerschaft.
Zweitens signalisiert Baku, dass die Zusammenarbeit mit Deutschland weit über Erdgas hinausgeht. Auf der Agenda stehen außerdem erneuerbare Energien, Transport und Logistik, industrielle Modernisierung, Wissenschaft und Innovation.
Drittens scheint Berlin den Südkaukasus nicht nur durch die Linse von Werten und Normen zu betrachten, sondern zunehmend auch im Hinblick auf Energiesicherheit und Verkehrsanbindung.
Mit anderen Worten: Die Erklärung ist mehr als eine symbolische politische Aussage. Es bietet einen Rahmen für den Ausbau der deutsch-aserbaidschanischen Zusammenarbeit und die Institutionalisierung der europäischen Dimension der aserbaidschanischen Außenpolitik.

Briefing von Ilham Aliyev in Berlin