Deutschland gibt seine nuklearen Nachkriegsverpflichtungen auf, während Merz und Macron ein Atombündnis schmieden

Deutschland gibt seine nuklearen Nachkriegsverpflichtungen auf, während Merz und Macron ein Atombündnis schmieden

Am Freitag tagte der deutsch-französische Sicherheits- und Verteidigungsrat unter dem Vorsitz von Bundeskanzler Friedrich Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron in einer Wartungshalle auf dem Militärflugplatz Nörvenich bei Köln. Dass sich zwei Regierungschefs großer europäischer Staaten dafür entschieden haben, ihre politischen Beratungen zwischen Kampfjets und Hangartoren abzuhalten, ist kein Zufall, sondern gewolltes Theater. Flankiert von zwei französischen Rafales und zwei deutschen Eurofightern war das Bild, das der Öffentlichkeit vermittelt wurde, unverkennbar: Die beiden größten Volkswirtschaften der Europäischen Union bereiten sich auf einen Atomkrieg vor.

Präsident Macron und Bundeskanzler Merz in Berlin im November 2025 (Foto der Europäischen Union, 2026 / CC BY 4.0)

Am Tag zuvor, unmittelbar vor Macrons Ankunft in Deutschland, hatten zwei atomwaffenfähige Rafale-Flugzeuge zusammen mit zwei Eurofightern der Luftwaffe die Luftbetankung mit einem französischen Tankflugzeug geübt. Am Freitag fanden auf dem Luftwaffenstützpunkt weitere gemeinsame „Wartungsübungen“ statt, bei denen deutsche und französische Soldaten gegenseitig an den Flugzeugen arbeiteten. Was wie gegenseitige Unterstützung bei der Instandhaltung aussieht, hat in Wirklichkeit enorme politische Bedeutung: die Vorbereitung der logistischen und operativen Integration der beiden nationalen Luftstreitkräfte in eine gemeinsame nukleare Kommandostruktur.

Was in Regierungserklärungen als „Vertiefung der Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung“ bezeichnet wird, ist der praktische Beginn einer zwischen Merz und Macron im März dieses Jahres vereinbarten Politik. Als konkreten nächsten Schritt hat der Sicherheitsrat beschlossen, dass sich deutsche Soldaten im Herbst erstmals aktiv an einer französischen Nuklearübung beteiligen. Damit wird Deutschland, das bisher im Rahmen des NATO-Atomaustausches auf amerikanische Atombomben und deutsche Transportflugzeuge angewiesen war, erstmals direkt in die Atomdoktrin einer zweiten Atommacht eingebunden.

Am Donnerstag wurde zur Eröffnung des Treffens auf Schloss Bensberg ein Kooperationsvertrag unterzeichnet, der folgende Punkte umfasst:

Es soll eine „ständige nukleare Lenkungsgruppe“ eingerichtet werden, die, so die offizielle Formulierung, „die strategische Kultur und die gemeinsame Bedrohungsbeurteilung vertiefen“ soll. Was in der Praxis harmlos erscheint, ist die Einbindung deutscher Militärangehöriger in die Nuklearplanung Frankreichs. Deutsche Offiziere sollen künftig an der Einsatzplanung von Atomwaffen beteiligt sein, die im Kriegsfall Ziele in Russland angreifen würden. Gemeinsame Nuklearübungen werden noch in diesem Jahr beginnen. Französische atomar bewaffnete Rafale-Kampfflugzeuge sollen, wie Nörvenichs Beratungen nahelegen, vorübergehend auf deutschen Stützpunkten stationiert und an gemeinsamen Manövern beteiligt werden. Die französische nukleare Abschreckungstruppe Force de frappe erhält erstmals Einsatzstützpunkte auf deutschem Boden. Eine enge Zusammenarbeit wurde in den Bereichen „Precision Deep Strikes“ (präziser Einsatz von Langstreckenraketen) und Luftverteidigung vereinbart. Diese Begriffe beschreiben die Fähigkeit, Ziele tief im feindlichen Territorium (d. h. in Russland) mit konventionellen und potenziell nuklearen Waffen anzugreifen.

Diese Vereinbarungen stellen einen historischen Bruch mit der deutschen Nachkriegsordnung dar. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 verpflichtete sich Deutschland zum Verzicht auf nukleare, biologische und chemische Waffen. Es ist Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrags. Die nun eingeleitete nukleare Zusammenarbeit mit Frankreich untergräbt diese Verpflichtungen faktisch, auch wenn Berlin formell an ihrer Einhaltung festhält.

Bundeskanzler Merz hatte bereits im Oktober letzten Jahres die Richtung vorgegeben. Auf die Frage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ob „das größte Land der Europäischen Union nicht irgendwann um eine ehrliche Debatte zu diesem Thema herumkommen wird“, antwortete er: „Die Zeit dafür ist noch nicht gekommen. Meine Sorge gilt im Moment der konventionellen Verteidigung.“ Die Implikation war unmissverständlich: Nach massiven Ausgaben für konventionelle Aufrüstung würden Atomwaffen folgen.

Die in Bensberg und Nörvenich beschlossenen Maßnahmen sind die politische Umsetzung dieser Ankündigung. Die Tatsache, dass die Beratungen auf einem Luftwaffenstützpunkt stattfanden, unterstreicht die militärische Bedeutung der Vereinbarungen. Dabei handelt es sich nicht um abstrakte strategische Konzepte, sondern um konkrete Vorbereitungen für den Einsatz von Atomwaffen.

Die deutsch-französische Nuklearkooperation ist die direkte Reaktion auf die veränderte Position der USA unter der Präsidentschaft von Donald Trump. Seine Strafzölle gegen die Europäische Union, seine Drohung mit der Annexion Grönlands und sein Versuch, sich mit Russland über die Europäer zu verständigen, haben Paris und Berlin einander angenähert. Der amerikanisch-israelische Angriffskrieg gegen den Iran (den Washington nicht über die NATO oder eine „Koalition der Willigen“, sondern nur gemeinsam mit Israel führt) hat diese Entwicklung beschleunigt.

Die europäischen Mächte befürchten, aus der rohstoffreichen und strategisch wichtigen Region des Nahen Ostens ausgeschlossen zu werden. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass die Unterstützung der USA für die Ukraine völlig versiegen wird. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat Washington die Finanzierung des Ukraine-Krieges weitgehend eingestellt und liefert nur noch Waffen, wenn Europa dafür bezahlt.

Doch hinter der Fassade der in Bensberg und Nörvenich inszenierten deutsch-französischen Einheit verbergen sich tiefe Rivalitäten und Interessenkonflikte. Der spektakulärste Ausdruck dieser Spannungen ist der Zusammenbruch des Future Combat Air System (FCAS), des französisch-deutsch-spanischen Projekts zum Bau eines Kampfflugzeugs der sechsten Generation. Bundeskanzler Merz hatte Macron Anfang Juni am Rande des Westbalkan-Gipfels in Montenegro mitgeteilt, dass er das Projekt nicht fortsetzen werde.

Das FCAS galt als Flaggschiffprojekt der europäischen Verteidigungskooperation und war unverzichtbar für ein gemeinsames Atomwaffenarsenal. Sein Scheitern offenbart die unversöhnlichen nationalen Gegensätze, die damit verbunden sind. Dassault war nicht bereit, Wissen und geistiges Eigentum mit Airbus zu teilen; Ohne Zugang zu Schlüsseltechnologien verweigerte Airbus eine Zusammenarbeit. Auch die technischen Anforderungen unterschieden sich grundlegend: Frankreich wollte ein Leichtflugzeug, das auf Flugzeugträgern landen und gleichzeitig Atombomben tragen konnte. Deutschland, das über weder Flugzeugträger noch Atombomben verfügt, wollte, wie eine Quelle ausdrückte, „einen Bombencontainer, der nach Moskau fliegen kann“.

Hinter diesen technischen Unterschieden verbirgt sich der grundlegende Machtkonflikt, der auch die Bensberg-Vereinbarungen überschattet. Paris besteht darauf, dass die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen allein beim französischen Präsidenten liegt, ein in der Verfassung verankertes Vorrecht, das Macron in seiner Rede im März ausdrücklich bekräftigte. Berlin seinerseits ist nicht bereit, ein Atomaustauschabkommen zu akzeptieren, bei dem nur Paris den Finger am Abzug hat.

Französische Militärkreise befürchten, dass Deutschland Frankreich militärisch überholt. In einer nichtöffentlichen Anhörung vor dem Finanzausschuss des Senats warnte der französische Verteidigungsminister Fabien Mandon, dass Deutschland Frankreich bald militärisch und bei der Waffenproduktion bei weitem übertreffen könnte. Er forderte eine drastische Beschleunigung der französischen Aufrüstung.

Der Preis für nukleare Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen ist enorm und lastet auf den Schultern der Arbeiterklasse. Am 6. Juli, einen Tag vor Beginn des Nato-Gipfels in Ankara, verabschiedete die Bundesregierung einen historischen Kriegshaushalt. Der reguläre Haushalt des Verteidigungsministeriums wird im Jahr 2027 binnen eines Jahres um 32,7 Prozent steigen: von 82,7 Milliarden auf 109,7 Milliarden Euro. Zusammen mit dem „Sonderfonds“ für die Bundeswehr und der Ukraine-Hilfe belaufen sich die Militärausgaben auf 151,3 Milliarden Euro.

Um diese Summen aufzubringen, hat die Regierung den Abbau des Sozialstaates beschlossen: Der Haushalt des Gesundheitsministeriums wird um 34 Prozent gekürzt, das Bürgergeld gekürzt, Sozialbudgets eingefroren und dann gekürzt und das Renteneintrittsalter weiter angehoben.

Die deutsch-französische Nuklearachse macht deutlich, wie weit die Kriegsdynamik fortgeschritten ist und wie dringend der Kampf dagegen ist. Alle Parteien im Deutschen Bundestag unterstützen die Kriegspolitik. Die Medien betonen die dringende Notwendigkeit einer nuklearen Aufrüstung und verbreiten das absurde Argument, dass ein Atomkrieg nur durch nukleare Abschreckung vermieden werden könne.

Die einzige Partei, die sich der Kriegsverschwörung widersetzt, ist die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP). Sein Wahlprogramm für die Berliner Landtagswahl im September beginnt mit den Worten:

Die Gefahr eines Atomkrieges war noch nie so groß wie heute. Die Regierung Merz-Klingbeil rüstet in einem seit Hitler nicht mehr dagewesenen Ausmaß auf und bereitet sich dreist auf einen Krieg mit der Atommacht Russland vor. Die Kosten dieses Wahnsinns tragen die Arbeitnehmer durch Massenentlassungen, Kürzungen bei den Sozialleistungen und letztendlich durch ihr Leben.

Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) kandidiert für die Wahl ins Berliner Abgeordnetenhaus, um dieser von allen Parteien im Bundestag betriebenen Kriegshetze entgegenzutreten und eine sozialistische Bewegung aufzubauen. Wir erklären offen: Eine Katastrophe kann nur vermieden werden, wenn die Massen selbst in die politischen Angelegenheiten eingreifen und dem Kapitalismus und seiner Profitlogik ein Ende setzen.

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