Darum geht es: Der deutsche Autobauer Volkswagen bereitet den Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen weltweit vor. Die Probleme bei VW sind bezeichnend für die tiefste Krise der deutschen Autoindustrie seit Jahrzehnten. Der Wandel hin zu Elektrofahrzeugen, zunehmender Wettbewerbsdruck aus China sowie hohe Kosten und standortbedingte politische Nachteile setzen die Hersteller gleichzeitig unter Druck. Experten sehen noch Chancen für eine Trendwende, allerdings nur, wenn Unternehmen und Politik jetzt entschlossen handeln.
Jahrzehntelang war die deutsche Automobilindustrie der Wachstumsmotor in Europa. Heute muss man sich gleichzeitig mit der Umstellung auf Elektrofahrzeuge, der Konkurrenz aus China, hohen Produktionskosten und internen Problemen in Deutschland auseinandersetzen.
Die wichtigsten Antworten auf sieben zentrale Fragen: Warum die Branche in der größten Krise seit Jahrzehnten steckt und ob es noch einen Weg zurück gibt.
Ist die Volkswagen-Krise ein Warnsignal?
Volkswagen ist das industrielle Herz Deutschlands. Hunderttausende Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt vom Unternehmen ab. Entsprechend groß ist die symbolische Bedeutung, wenn ausgerechnet VW milliardenschwere Kosten einsparen, bis zu 100.000 Arbeitsplätze abbauen und sogar einige seiner Werke auf den Prüfstand stellen muss.
Im zweiten Quartal gingen die Auslieferungen des Konzerns um fast 9 Prozent zurück, wobei die Kernmarke Volkswagen einen Rückgang von bis zu 14 Prozent hinnehmen musste. VW ist damit nicht allein. Audi verkaufte mehr als 8 Prozent weniger Fahrzeuge und Porsche verzeichnete im zweiten Quartal einen Rückgang um 18 Prozent. Auch BMW und Mercedes meldeten einen Absatzrückgang.
Diese Tatsache überrascht den Automobilexperten Stefan Bratzel, Leiter des Deutschen Automobil Management Zentrums, nicht. Im Interview mit der ZDF-Sendung „Heute“ spricht er über den „größten Wandel in der Geschichte“ der Automobilindustrie. Seine Einschätzung fällt ungewöhnlich unverblümt aus: Die Überlebenschancen von Volkswagen liegen derzeit bei „50:50“. Wenn Kosten und Kapazitäten nicht schnell angepasst würden, „werden wir in zwei, drei Jahren über ganz andere Themen reden.“
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Damit sind die Probleme nicht mehr nur eine Krise für Volkswagen, sondern Ausdruck eines grundlegenden Strukturwandels in der gesamten deutschen Automobilindustrie.
Hat die deutsche Automobilindustrie mit dem technologischen Wandel nicht Schritt gehalten?
Die deutschen Automobilhersteller konnten sich viele Jahre lang auf ihre bewährte Formel verlassen: hochwertige Verbrennungsmotoren, starke Premiummarken und hohe Gewinne. Allerdings war es gerade dieser Erfolg, der sie selbstzufrieden machte.
Während Tesla den Vormarsch der Elektromobilität vorantrieb und chinesische Hersteller Milliarden in Batterien, Software und digitale Plattformen für Fahrzeuge investierten, hielten deutsche Autohersteller lange am Verbrennungsmotor fest. Gleichzeitig sind neue Wettbewerber entstanden, die Autos zunehmend als digitale Produkte entwickeln, also sich auf Fahrzeugsoftware konzentrieren.

Die deutsche Automobilindustrie befindet sich derzeit in einer Abwärtsspirale.
Julian Stratenschulte/dpa
Automotive-Experte Frank Schwope von der FHM Hannover spricht auf NTV von „massiven Managementfehlern“. Insbesondere die jahrelange Vernachlässigung in der Batterieentwicklung und die unterlassene Umsetzung von Strukturreformen haben der Branche wertvolle Zeit gekostet.
Auch Bratzel sieht Defizite: Volkswagen sei „nicht schnell genug vorangekommen“, weder bei neuen Technologien noch bei notwendigen Kostensenkungen. Nun muss die Branche aufholen, während andere Hersteller sich bereits einen deutlichen Vorsprung verschafft haben.
China: Vom Hoffnungsträger zum Problem?
China war jahrelang der Gewinntreiber der deutschen Autoindustrie. Kein anderer Markt versprach höhere Wachstumsraten. Heute ist genau dieser Markt der größte Anlass zur Sorge.
Volkswagen hat im zweiten Quartal mehr als ein Drittel seines Absatzes in China verloren. Auch BMW und Mercedes kämpfen dort mit deutlichen Rückgängen. Der Grund: Chinesische Hersteller haben enorme technologische Fortschritte gemacht und dominieren mittlerweile den boomenden Markt für Elektroautos. Marken wie BYD und Geely überzeugen mit günstigen Preisen, moderner Software und kurzen Entwicklungszeiten.

Werden die legendären VW-Busse bald in China produziert?
Schlussstein
Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY kommt zu dem Schluss: „China bleibt eine der größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen.“ Insbesondere im Elektronikbereich hätten westliche Hersteller derzeit „wenig zu gewinnen“, da chinesische Käufer zunehmend heimische Marken bevorzugen.
Deshalb fordert Stefan Bratzel einen Mentalitätswandel. Deutschland muss von China lernen: schneller entwickeln, effizienter arbeiten und von chinesischen Ingenieuren vor Ort lernen. Langfristig muss die Innovationsfähigkeit jedoch nach Wolfsburg, Stuttgart oder München zurückkehren.
Wird der Standort Deutschland zum Nachteil?
Nicht nur der Wettbewerb verschärft sich, auch die Produktion wird immer teurer.
Deutschland gehört mittlerweile zu den Ländern mit den höchsten Industriestrompreisen in Europa. Hinzu kommen steigende Arbeitskosten, hohe Unternehmenssteuern, Sozialversicherungsbeiträge sowie umfangreiche Dokumentations- und Meldepflichten. Dadurch produzieren viele Hersteller ihre Produkte in Spanien, Portugal oder Osteuropa zu deutlich geringeren Kosten.
Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie, warnt seit langem vor der sogenannten „Kostenbelastung“. Er sagt, Deutschland sei im europäischen Vergleich „oft zu teuer“ geworden. Ohne Reformen bei Energiepreisen, Steuern und Bürokratie kann die Wettbewerbsfähigkeit nicht wiederhergestellt werden.
Oder wie Stefan Bratzel sagte: „Wir sind nicht mehr so viel besser, sondern eher teurer.“
Warum reicht es nicht mehr, zu sparen?
Die aktuelle Krise ist nicht nur eine Absatzkrise, sondern auch eine Kapazitätskrise.
Nach Berechnungen des Beratungsunternehmens BCG arbeiten europäische Automobilwerke mit einer durchschnittlichen Kapazitätsauslastung von nur rund 59 Prozent. Ein wirtschaftlich vertretbarer Satz läge bei rund 80 Prozent. Die Überkapazität entspricht der Produktion von mehr als 35 Anlagen.
Besonders problematisch ist dies für Volkswagen. BCG schätzt, dass die Überkapazität des Konzerns bei rund 40 Prozent liegt.
Es ist daher unwahrscheinlich, dass diese Kostensenkungsmaßnahmen auf Einzelfälle beschränkt bleiben. Werksschließungen, Produktionsverlagerungen und Stellenabbau gelten mittlerweile als mögliche Folgen. Vielerorts stellt sich nicht mehr die Frage, ob die Kapazitäten reduziert werden, sondern wo.
Inwieweit ist die Politik für die Krise verantwortlich?
Zahlreiche Experten kritisieren seit Jahren die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland. Hohe Energiepreise, langsame Genehmigungsverfahren, umfangreiche Regulierung und wachsende Bürokratie erschweren Investitionen und machen das Land zu einem zunehmend unattraktiven Wirtschaftsstandort.
Der Ökonom Jürgen Matthes vom Institut der Deutschen Wirtschaft spricht in der „Bild“ von einer „völlig selbst geschaffenen bürokratischen Belastung“. Viele Berichtspflichten sind im Laufe der Jahre immer weiter gestiegen.
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Auch Carsten Brzeski, Chefökonom der ING, warnt davor, die Krise auf eine einzige Ursache zu reduzieren. „Es gibt nicht nur eine Taste, die man drücken muss. Es ist eine vollwertige Tastatur.“ Deutschland steht nun vor einem „weitgehend selbstverschuldeten Standortproblem“. Ohne verlässliche Energiepreise und bessere Investitionsbedingungen sind weitere Produktionsverlagerungen ins Ausland wahrscheinlich.
Kann der Kurswechsel noch gelingen?
Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW gehören nach wie vor zu den finanziell solidesten Automobilherstellern der Welt. Sie verfügen über enorme technische Erfahrung, starke Marken und globale Vertriebsnetze. Gleichzeitig steigt der Absatz von Elektroautos in Europa wieder an und die Auftragsbücher der Autohersteller füllen sich langsam.
Aber die Zeit drängt.
Stefan Bratzel spricht von einem „darwinistischen Auswahlverfahren“. Die Branche befindet sich mitten im größten Wandel ihrer Geschichte und nicht alle Hersteller werden überleben. Die wesentlichen Treiber sind nun konsequente Kostensenkungen, schnellere Entwicklungszyklen, wettbewerbsfähige Produktionsstrukturen und mehr Innovation.
Auch die EY-Studie sieht keine kurzfristige Lösung. Der Verlust ausländischer Märkte, hohe Investitionen in Software, Überkapazitäten und der langsame Aufstieg der Elektromobilität belasten gleichzeitig die Branche. Die Herausforderungen sind so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Die eigentliche Frage ist also nicht, ob Volkswagen die Krise überstehen wird, sondern ob es der gesamten deutschen Automobilindustrie gelingt, ihr Modell neu zu erfinden, um erfolgreich zu sein. Denn die Probleme von VW sind längst nicht mehr nur die Probleme eines einzelnen Konzerns, sondern die Symptome einer Branche, die um ihre Zukunft kämpft.
Video des Abschnitts.
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