„Gehst du nach Chemnitz?“ – sagen meine deutschen Freunde überrascht. “Weil?”
Umso überraschter sind sie, als sie erfahren, dass diese Stadt in Sachsen im Jahr 2025 Kulturhauptstadt Europas sein wird. Wenn eine unauffällige deutsche Stadt eine der zwei oder drei Städte der Europäischen Union sein soll, die jedes Jahr für diese Auszeichnung ausgewählt werden, sollte es sicherlich irgendwo wie das gut erhaltene Rothenburg ob der Tauber in Bayern sein. Der Zweite Weltkrieg versetzte der hübschen Stadt einen relativ sanften Schlag, während er das industrielle Chemnitz verwüstete.Rothenburg ob der Tauber in Süddeutschland ist ein gut erhaltenes Labyrinth mittelalterlicher Wohnhäuser, umgeben von einer Mauer mit verschiedenen Tortürmen, wo jede Kurve eines Spaziergangs neue Freuden mit sich bringt. Foto: Peter Neville-Hadley
Ziel des Programms sei es aber nicht, schöne oder sehr erfolgreiche Frauen sichtbarer zu machen, erklärt das Förderteam der ehemaligen Fabrik, die heute als Aufnahmezentrum in Chemnitz dient, sondern die Förderung der Vielfalt der europäischen Kultur, insbesondere der zu Unrecht weniger bekannten. Umso dringender für eine Stadt, die in den letzten Jahren für ihre ausländerfeindlichen Proteste bekannt geworden ist und die bedingungsloseste Unterstützung Deutschlands für die rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland hat.
Und trotz seiner Geschichte vor der Wiedervereinigung als Karl-Marx-Stadt des verfallenden Staates Ostdeutschland, ein kaum zu liebendes Technologiezentrum, das immer mehr hinter dem Westen zurückblieb, stellt sich heraus, dass es in Chemnitz bis heute nicht an eigener Kultur mangelt.
Das Motto des umfangreichen Chemnitzer Kulturprogramms für 2025 mit Gastorchestern, Kunstausstellungen, einem Radrennen und vielem mehr lautet „C the Unseen“, was als Eingeständnis, dass die Stadt noch wenig bekannt ist, und als Mahnung, das Verlorene zu entdecken, zu lesen ist.
Die Industrialisierung von Chemnitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlief nicht ohne Eleganz und diese jahrhundertealte ehemalige Fabrik ist heute das Industriemuseum der sächsischen Stadt. Foto: Peter Neville-Hadley „Das ist ein gutes Motto“, sagt Gisa Gruner, die pensionierte Lehrerin, die mich begleitet, „denn Chemnitz steht immer ganz hinten in der Schlange. In Sachsen stehen Dresden und Leipzig an erster Stelle.“